Grundschulempfehlung

Schwäbische Zeitung
15.12.2011

Grundschulempfehlung: „Druck vom Kessel ist weg“

Eltern und Lehrer in Bad Waldsee und Aulendorf sehen Landtagsentscheidung gelassen

Von Sabine Ziegler

Bad Waldsee/Aulendorf - Kleinkindbetreuung, Studiengebühren, G8 und G9, Gemeinschaftsschulen und Grundschulempfehlung: Die Bildungspolitik im Ländle ist seit dem Machtwechsel in Stuttgart verstärkt in Bewegung. Letzte Woche hat die rot-grüne Mehrheit im Landtag die viel diskutierte Grundschulempfehlung gekippt. „Damit ist Druck vom Kessel genommen, den viele Eltern von Viertklässler gespürt haben. Das Beratungsgespräch zwischen Lehrer und Eltern bekommt eine zentralere Rolle, was ich wichtig finde“, sagt dazu Bernd Zander, fünffacher Vater und Ortsvereinsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen in Bad Waldsee.

Die Elternbeiratsvorsitzenden der Grundschule im Waldseer Bildungszentrum Döchtbühl, Sonja Wild und Ingrid Wölflingseder, betrachten die Angelegenheit „Grundschulempfehlung“ gelassen. „Ich habe zwei Schulkinder und hatte noch nie ein Problem damit und habe das auch von anderen Eltern so vernommen“, erklärt Wild. Wölflingseder hat als Mutter von Zweit- und Drittklässlern noch keine persönliche Erfahrung mit der Empfehlung gemacht. Beide sagen übereinstimmend: „In unserer Funktion als Elternbeiräte der Döchtbühlschule wurden wir mit diesem Thema noch nie konfrontiert, auch in jüngster Zeit nicht.“

Bernd Zander war einige Jahre lang als Elternbeirat in der Waldseer Eugen-Bolz-Schule aktiv und aus seiner Sicht sorgte das Papier jedes Schuljahr auf’s Neue für Zündstoff: „Sind wir doch ehrlich: Kaum hat die vierte Klasse begonnen, legten die Eltern den Fokus verstärkt auf Zensuren nach dem Motto: schafft’s mein Kind auf Gymnasium oder Realschule oder eben nicht und die Entscheidungsgewalt lag bei der Schule. Ich hoffe, dass durch diese politische Entscheidung diese Sortiererei entfällt“, so Bernd Zander.

Obwohl in der privaten Schule jedem Zeugnis eine Beurteilung des Kindes beigeheftet ist, das Aufschluss gibt über Leistungsvermögen und Entwicklungspotenzial des Schülers, hält Zander das vorgesehene Beratungsgespräch in Klasse 4 für bedeutend: „Gerade vor einer so wichtigen Entscheidung für Eltern, welche Schule ab Klasse 5 die richtige ist für das Kind, finde ich eine pädagogische Beratung wichtiger als die bloße Empfehlung, an die sich die Eltern zu halten hatten.“

Natürlich konnten die Eltern der Schulempfehlung widersprechen und es gab die Möglichkeit einer Prüfung für die Kinder, aber die Erfahrung von Pädagogen lehrt: „In den allermeisten Fällen beurteilten und empfahlen unsere Lehrer die Viertklässler richtig“, weiß Herbert Reck, Rektor der Grundschule Aulendorf, an der 120 Viertklässler unterrichtet werden. In seiner nun mehr 16-jährigen Amtszeit „hat es keine Handvoll Problemfälle gegeben bei uns, weil die Beurteilungen nicht angezweifelt wurden von den Erziehungsberechtigten“.

Der Schulleiter sieht die aktuelle Entscheidung des Landtages dennoch „völlig unproblematisch, es gibt im Team keine Diskussionen darüber und wir werden unsere Informationsgespräche mit den Eltern der Viertklässler auch künftig führen wie gehabt, da haben wir uns schon immer Zeit dafür genommen“, führt Herbert Reck weiter aus. Wenn künftig die Grundschulempfehlung entfällt, steht es den Eltern frei, ihr Kind ab Klasse 5 auf einer weiterführenden Schule ihrer Wahl anzumelden. Platzen Realschulen und Gymnasien dann ab 2012/2013 aus allen Nähten? „Nein, sicher nicht“, ist Dr. Wolfram Winger, Rektor des Döchtbühlgymnasiums Bad Waldsee, überzeugt. Und die amtlichen Zahlen vom letzten Schuljahr dürften ihn darin bestärken: Während damals landesweit gut 40 Prozent das Gymnasium auswählten nach Klasse 4, lag diese Quote in Bad Waldsee mit 36 Prozent darunter. Bei der jüngsten Schulleitertagung in Untermarchtal hätten die versammelten Pädagogen das Thema insgesamt „sehr entspannt betrachtet“ (Winger). „In den Städten mag das anders sein, wo der Trend zum Gymnasium viel stärker ist als in Oberschwaben“, erklärt Winger.

In Heidelberg betrug die Übertrittsquote auf’s Gymnasium im vergangenen Schuljahr nämlich bereits knapp 60 Prozent. Und Tübingen lag mit gut 67 Prozent sogar noch darüber.

Nach Einschätzung Wingers könnten durch den neuen Landtagsbeschluss allenfalls die Realschulen ein paar Anmeldungen zusätzlich bekommen. „Aber sicher weiß das bislang niemand.“

Diese ehemaligen Viertklässler der Grundschule Aulendorf haben noch eine Grundschulempfehlung bekommen. In Zukunft erhalten die Eltern ein ausführliches Beratungsgespräch und entscheiden dann selbst, auf welche weiterführende Schule ihr Kind gehen soll. Archiv-Foto: Rolf Schultes